Von Georg Zingsheim
Kerpen. Der Aufzugkorb rattert an einem Zahngestänge gemächlich nach oben. Die Passagiere des luftigen Gefährts, das sich an einem gigantischen Stahlgerüst emporhangelt, tragen Schutzhelme auf dem Kopf, denn am Turmhelm der Stiftskirche wird gearbeitet. Der Lift fährt bis wenige Meter unter die Spitze. Die restlichen Schritte bis auf den 78 Meter hohen Turm der Stiftskirche müssen über Aluminiumleitern zu Fuß zurück gelegt werden.
Im Januar haben Arbeiter eines Duisburger Unternehmens angefangen, den mächtigen Turm des Gotteshauses - es soll nach dem Kölner Dom der zweithöchtse im Erzbistum Köln sein - einzurüsten. Der Turm der Stiftskirche, dessen Alter auf 510 Jahre datiert, muss umfassend instand gesetzt werden.
Das Gerüst geht zunächst bis an die Spitze des Turms, denn auch das Kreuz mit dem Wetterhahn muss erneuert werden. Anfang dieser Woche haben die Spezialisten ein ganzes Stück wieder "abgerüstet", denn die Arbeiten in der höchsten Etage sind weitgehend abgeschlossen. Acht Wasserspeier in Form von Drachenköpfen zieren in luftiger Höhe die Außenhaut. Sie sind ebenso aus Kupfer gefertigt wie acht Kreuze, die zu allen Seiten sichtbar sind. Sie sind als letztes montiert worden.
Die Geschichte der Wasserspeier in Drachenform, die einst am Turmhelm montiert waren, ist kurios. "Die Wasserspeier waren nicht mehr da. Das haben wir anhand von Zeichnungen und Fotodokumenten gesehen", sagt Hermann-Josef Lussem, Turmbeauftragter des Kirchenvorstands St. Martinus. Der Wunsch der Bauherren war eindeutig: die Drachenköpfe sollten wie ursprünglich das Wasser ableiten. Aber wie haben die Drachen einmal ausgesehen? Die Antwort fand Dachdeckermeister Ralf Krings. Zwei der Drachenköpfe lagen im Kerpener Stadtarchiv - gleich gegenüber der Kirche. Sie dienten als Modell für die Repliken.
Es war der Orkan "Kyrill", der die Spitze der Kirche mitsamt dem Wetterhahn Anfang 2007 mächtig in Mitleidenschaft gezogen hatte. Erst wenige Monate zuvor hatte Pfarrer Ludger Möers in Kerpen seine erste Pfarrstelle angetreten. Seitdem beschäftigt sich der Priester mit dem Projekt "Turmrenovierung", das auf rund 900.000 Euro veranschlagt ist. "Wir hoffen auf weiterhin großzügige Spenden", so Möers, denn ein Drittel der Kosten muss die Pfarrgemeinde selbst aufbringen. Aber auch Schädlingsbefall und die hohe Windlast hatten an dem Bauwerk Schäden hinterlassen.
Die Spitze kränzt jetzt wieder der erneuerte Wetterhahn, der mit ein mal ein Meter seinen Vorgänger überragt. Die Arbeiter der beauftragten Unternehmen haben von der Baustelle täglich die beste Aussicht auf Kerpen und Umgebung. Die Sicht reicht bis zu den Eifelhöhen und an klaren Tagen sind sogar die Spitzen des Kölner Doms in Sicht. Hermann-Josef Lussem hofft, dass alle Arbeiten an der Kirche bis Mitte oder Ende August beendet sind.



